Zur Heilung der Natur

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Es ist Anfang Februar, das neue Jahrzehnt hat erst begonnen. Diese Zeit im Jahr ist von einer ganz besonderen Qualität – die Dunkelheit des Winters weicht, die Tage werden merklich länger, heller und lebendiger. Seit ein paar Wochen regt sich schon, versteckt und unbemerkt, das Leben unter der Erde, und steigt in den Bäumen nach oben. Im Jänner steht die Sonne noch im Tierkreiszeichen Steinbock, welches symbolisch nach oben strebt, aufsteigen will, und zugleich mit der Erde verbunden ist – eine schöne Parallele zu den Vorgängen in der Natur. Der Februar beginnt dann in den alten Traditionen mit einer Feier des wiederkehrenden Lichts: Imbolc ist eines der vier großen keltischen Jahreskreisfeste, und es ist als Lichtmess auch bei uns im Brauchtum noch vorhanden. Das Fest erinnert an die unbändige Energie der Natur, die es schafft, Jahr für Jahr alles wieder zum Leben zu erwecken. Jetzt wecken uns am Morgen bereits die ersten Vögel, und in der Luft liegt die Ahnung: Der Frühling ist nicht mehr weit.

Ich verbringe meine Abende derzeit gerne mit einem Podcast, den ich vor kurzem entdeckt habe: „Gardens, Weeds and Words“ von Andrew O‘Brien. Er ist Gärtner aus England und versteht es sehr gut, mit seinen Aufnahmen eine ganz eigene, entspannende Atmosphäre zu schaffen und dabei die essentiellen Themen unserer Zeit anzusprechen. Er spricht darüber, wie der Klimawandel für uns alle bereits spürbar wird, und wie unser wichtigstes Ziel für das neue Jahr die Heilung der Natur sein sollte. Er lässt seine Hörer an seinen Erfahrungen teilhaben, wie er in Zeiten, in denen die globalen Zusammenhänge für den Einzelnen so überfordernd wirken, Ruhe in der Arbeit mit den Pflanzen findet. Ein Zitat aus dem Buch „The Garden Jungle: Or Gardening to Save the Planet“ von Dave Goulson spricht mir aus der Seele: Wie uns die unüberwindbar scheinenden Probleme globalen Ausmaßes zu paralysieren drohen, wie selbst im 21. Jahrhundert, in dem unser Wissen über das Universum exponentiell anwächst, noch kein tatsächlich wirksamer Umgang mit dem Klimawandel und generell der gesamten Zerstörung unserer Lebensgrundlagen bis dato gefunden werden konnte, und alle Maßnahmen, die man selbst im eigenen Leben trifft, so trivial und ineffektiv wirken, dass man leicht die Hoffnung verlieren kann … und wie wir dann Ruhe finden können in der Arbeit mit unserem eigenen kleinen Stück Natur (in welcher Form auch immer), das übersichtlich genug ist für unseren Geist, zu verstehen … wie wir mit unseren Händen in der Erde, mit dem Säen, Pflanzen, Wachsen lassen und darum Sorgen, mit dem Jäten und Ernten und Kompostieren im Zyklus der Jahreszeiten leben können – all das beschreibt Dave Goulson sehr anschaulich: „For me, saving the planet starts with looking after my own patch.“

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In der Folge „Healing Nature“ spricht Andrew O’Brien mit seinem Gast Alys Fowler, einer britischen Garten-Autorin, die durch ihre BBC-Show „Gardeners‘ World“, ihre Artikel im Guardian und ihre Bücher bekannt wurde. Die Gedanken, die die beiden in dem Gespräch teilen, haben mich so sehr angesprochen, dass ich sie hier für mich noch einmal zusammenfassen will:

Alys Fowler spricht über die „plant blindness“, also der immer weniger werdenden Fähigkeit der Menschen, Pflanzen tatsächlich zu „sehen“. In den 90er Jahren gab es schon Untersuchungen zu diesem Phänomen, dass Menschen anscheinend, je urbaner sie leben, Pflanzen in ihrer Umgebung immer weniger wahrnehmen können. Dies steht auch in einem Zusammenhang mit der Sprache – man nimmt nur jenes bewusst wahr, wofür man auch Worte hat.

Trotz dieser Tendenz der vergangenen Jahrzehnte, dass immer weniger Menschen eine Beziehung zu ihrer natürlichen Umgebung entwickeln, bleibt Alys Fowler aber optimistisch; vielmehr sieht sie derzeit einen tiefgreifenden kulturellen Wandel, sichtbar an den Kindern ganz normaler Volksschulen, die heute – anders als noch vor ein paar Jahren – etwa über die Bedeutung der Bienen als Bestäuber erzählen können. Es findet eine Veränderung zwischen den Generationen statt; viele junge Menschen verspüren das große Bedürfnis, in besserem Einklang mit unserem Planeten zu leben. Sie wissen um die Bedeutung der Pflanzen und Wildtiere, und wofür der „Garten“ steht: „Our gardens are way bigger than us.“ Sie sind Heimatorte nicht nur für uns, sondern auch all unsere „Mit-Wesen“ auf diesem Planeten, all die Vögel, Insekten und Wildtiere. Die Zeiten, in denen das Haus das eigene Schloss war und der Garten darum eine domestizierte, saubere Fläche, die dem Menschen „gehört“, ändern sich nun, und jene, die immer noch gern Pestizide im Garten verwenden, werden immer älter und „sterben allmählich aus“.

Interessant finde ich hier den Gedanken von Alys, dass das auch damit zusammenhängen könnte, dass die neue Generation immer weniger Häuser besitzt in dem Maße, wie das die ältere Generation getan hat – das ist auch in meinem eigenen Leben so, und bei vielen Freunden und Bekannten in meinem Umfeld. Immer mehr Menschen machen Erfahrungen mit Gemeinschaftsgärten, und generell mit dem „Teilen“, und etwas NICHT besitzen zu müssen wird zum erstrebenswerten Ziel. Wir leben in einer Zeit des Spätkapitalismus, in der wir von der Werbung immer noch mit künstlichen Bedürfnissen bombardiert werden, mit dem Ziel, dass wir so viel wie möglich kaufen sollen, in der aber auch immer mehr Menschen aufwachen und sehen, dass es so nicht weitergehen kann. Dieser späte Kapitalismus wird sehr schwer zu überwinden sein, da er alle unsere Lebensbereiche durchdringt, aber der Wandel ist bereits im Gange, und er wird als erstes sichtbar, wie Alys sagt, am Beginn des Bildungssystems, bei den jungen Schulkindern. Die Lehrer*innen und natürlich die Eltern von heute spielen hier eine ganz essentielle Rolle. Große gesellschaftliche Veränderungen brauchen immer mindestens 25 Jahre, also den Generationenwechsel, und die schwierige Frage hierbei ist: Haben wir angesichts des Klimawandels überhaupt noch genug Zeit dafür? Oder ist es bereits zu spät? Alys zieht den Schluss: Zu spät wofür? Für ein Leben, wie wir es jetzt kennen? Das einzige, was Sinn macht, ist, sich trotzdem darum zu kümmern und nicht die Augen zu verschließen. Und angesichts dieser komplexen Fragen nicht die Freude am Leben zu verlieren, sondern Sinn zu finden in der empathischen Beschäftigung mit der natürlichen Welt um uns herum; sei es im Garten, im Park, im Wald oder zuhause bei den Pflanzen am Fensterbrett.

„I see you as a gardener if you just care about plants. You are a valid gardener in my mind. You do not have to have a back garden, you may only have house plants. And being a gardener is the first step to have a great relationship with the world.“ (Alys Fowler)

Wenn wir aufmerksam werden für die kleinen Dinge, beginnen sie, zu uns zu „sprechen“, und wir werden uns des riesigen Ökosystems unserer Erde bewusst. Alles steht miteinander in Verbindung, jede Pflanze, jedes Tier, jeder Fluss und jeder Stein hat seinen eigenen „Spirit“. Für sehr lange Zeit hat sich der Mensch über seine natürliche Umwelt erhoben; eine patriarchale Weltsicht des „alles unter Kontrolle zu habens“, das in unserem derzeitigen Gesellschaftssystems seinen Höhepunkt findet. Zugleich gibt es aber eine wachsende Zahl an Menschen, die sich der Zusammenhänge bewusst wird und an dem tiefgreifenden Wandel des Systems arbeitet.

Der Zustand unserer komplexen Welt heute kann für den Einzelnen sehr überfordernd sein und wir tun uns schwer, einen Sinn darin zu erkennen; gehen wir aber dann raus in die Natur, sehen wir, wie ebenso komplex, unordentlich und verwirrend das Ökosystem ist:

„If you take a tiny teaspoon of soil under the microscope, you see how complex it is and still it makes sense – it grows our world, our food, it gives us oxygen, creates our atmosphere, it gives us the water that we drink.. We live in a messy and complex world.“ (Alys Fowler)

Es ist vielleicht nicht immer ganz einfach, aber wir müssen optimistisch sein. Suchen wir nach Sinn, so können wir ihn in unserem ganz persönlichen Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen finden, indem wir nicht zu viel nehmen. Wie wir in unserer eigenen, kleinen Welt wirken, wie wir umgehen miteinander und mit den Wesen um uns herum – das hat auch eine sehr politische Dimension.

Was ist euer Zugang zu diesen Themen? Welche Möglichkeiten seht ihr in eurem Alltag, den Wandel zu leben? Teilt ihr Alys‘ Optimismus? Und wo begegnen euch Herausforderungen?

Hier noch ein paar Links:

„Gardens, Weeds and Words“ – Podcast von Andrew O’Brien

Alys Fowler – „The Edible Garden“

Alys Fowler – Gartenkolumne im Guardian

Dave Goulson – „The Garden Jungle: or Gardening to Save the Planet“

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